Morgenimpuls zur Tageslosung

Pfarrer Albert verschickt von Montag bis Samstag als Rund-E-Mail einen „Morgenimpuls“ mit einer kleinen Besinnung zur Tageslosung.

Diese Mail können alle Leute bekommen, die sie haben möchten. Dafür schickt man  eine Mail an die Adresse stefan.albert@ev-kirche-schefflenz.de und schreibt hinein: „Ich möchte bis auf Widerruf den Morgenimpuls von Pfarrer Albert an diese E-Mail-Adresse bekommen“, mit dem Namen darunter.

Diese Morgenimpulse darf man gerne auch ausdrucken und an andere verteilen. Den Wunsch, die Mail zu bekommen, kann man jederzeit widerrufen!

——————————————————————————————————————

Morgenimpuls für Donnerstag, 13. Juni 2024

Die Tageslosung aus dem Alten Testament steht im fünften Buch Mose, Kapitel 13, erster Vers. Dort spricht Mose:

Alles, was ich euch gebiete, das sollt ihr halten und danach tun. Du sollst nichts dazu tun und nichts davon tun.

In der früheren, nicht digitalen Welt, welche sich manche der jungen Leute heute gar nicht mehr vorstellen können, gab es noch nicht die Möglichkeit, Dateien einfach über das Internet zu teilen. Sondern es lief an der Uni so ab: Die Professoren stellten Ordner mit den relevanten Blättern für ihre Veranstaltungen (Aufsätze usw.) in ein bestimmtes Regal im theologischen Seminar. Nicht dafür gedacht, es mitzunehmen, sondern diese Seiten nur zu kopieren und dann wieder zurückzuheften in den Ordner. Sonst hatten die anderen keine Möglichkeit, sich ebenfalls vorzubereiten.

Bei den Jurastudenten, unter denen es damals bei den geburtenstarken Jahrgängen einen brutalen Verdrängungswettbewerb gab (nur die Besten konnten auf eine gute spätere Anstellung hoffen), wurden wohl solche Kopiervorlagen häufig absichtlich entfernt von Studenten, damit sich die anderen nicht so gut auf Klausuren vorbereiten konnten und deshalb schlechter abschneiden würden. So etwas habe ich bei uns Theologen nicht erlebt, aber, dass Leute einfach aus Schusseligkeit nicht dran gedacht haben.

Einer unserer Professoren hat deshalb auf seinen Ordner hinten den Hinweis auf eine Bibelstelle angebracht, nämlich Offenbarung 22,19.

Es war humorvoll, wenn auch natürlich in der Absicht ernst gemeint. Denn an dieser Stelle droht der Seher Johannes, von dem das Buch der Offenbarung stammt, allen, die entweder seinen prophetischen Worten in dem Buch etwas hinzufügen – denen würde Gott all die Plagen zufügen, die er prophezeit hat – oder davon etwas wegnehmen, denn diesen Leuten würde Gott den Platz im Himmelreich wegnehmen. Also: Wer etwas aus diesem Seminarordner klaut, landet in der Hölle!

Er hat uns aber dann natürlich erklärt, worum es wirklich geht an dieser Stelle: Es war vermutlich eine Warnung an die Abschreiber (damals wurde ja Bücher nur durch mühsames Abschreiben per Hand vervielfältigt), den Text unverändert zu lassen und nicht Passagen oder Worte herauszulassen, die ihm nicht gefielen, oder andere auszuschmücken; und sei es in der guten Absicht, diesen Bibelvers besser verständlich zu machen.

Die gleiche Weisung erteilt Gott eben auch in unserer heutigen Tageslosung. Hier geht es aber nicht Abschreiben, sondern um bewusste Manipulationen. Im Rahmen der Verkündigung der Gebote Gottes im fünften Buch Mose wird also davor gewarnt, Gebote Gottes unter den Tisch fallen zu lassen, weil sie den Leuten nicht schmecken, oder andere Dinge dazu zu erfinden und zu behaupten, dies sei jedenfalls Gottes Wille.

Wie sieht es da mit uns heute aus? Ich habe bisweilen das Gefühl, dass etliche durchaus sehr „wählerisch mit den Geboten Gottes umgeht. An einem einfachen Beispiel: Manche konservativen Christen betonen Gebote, in denen es um die Sexualität geht, beispielsweise kein Sex vor der Ehe – aber selten sprechen sie über Gebote, die es beispielsweise verbieten, Geld für Zinsen zu verleihen. Und bei manchen „progressiven Christen“ ist es genau andersrum.

Können wir nicht, unabhängig von der Auslegung, Gottes Worte einfach Gottes Worte sein lassen?